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Die Theorie büffeln mit himmlischer Unterstützung
Die theoretische Ausbildung beginnen wir am nächsten Tag in einem der Seminarräume des Hotels. Im Laufe der Woche wird unsere Studierstube in den Andachtsraum des Hauses verlegt. Später werden wir zu diesem Umzug scherzhaft sagen, wir hätten Theorie mit himmlischer Unterstützung gebüffelt.
Täglich wird es nun aber doch ernster. Fragen der Binnenschifffahrtsordnung, Ausweichregeln, Regeln der Lichterführung unterschiedlichster Schiffstypen, oder auch das Erkennen verschiedener Schiffssignale gehören u.a. zum theoretischen Programm. Das Verhalten zur Unfallverhütung und die kleine Motorenkunde stehen ebenso auf dem Lehrplan, wollen erlernt, verstanden und eingeprägt werden.
Als wir Mitte der Woche beim Komplex Betonnung und Befeuerung von Binnengewässern ankommen, verlässt mich kurzzeitig der Mut. Farben, Fahrwasserseiten und Fließrichtungen, das ist alles ziemlich viel und anders als auf dem Boot.
Vorteile hat hier, wer schon mal auf einem Boot war und sich dort für Tonnen, Schilder oder andere Zeichen interessiert hat. Ich bin da absoluter Laie und muss ich mich Stück für Stück durchbeißen.
Irgendwann, kurz vor Abschluss der Ausbildung, platzt sprichwörtlich der Knoten. Ich fasse wieder Hoffnung, die Prüfung doch zu bestehen. Knoten ist das Stichwort. Auch Knoten müssen wir können. Genau fünf Stück: zeigen, benennen und erklären, wozu sie verwendet werden. Im Hinterkopf hatte ich das immer. Bis Mitte der Woche habe ich es aber eben verdrängt. Die Zeit wird nun auch hier knapp. Fortan habe ich ein Stück Seil (Tampen) in der Tasche und übe Knoten, wo immer es geht.
Mann über Bord direkt vor´m Schloss
Nach den täglichen Theoriestunden geht es raus auf´s Wasser. Das ist unbestritten der Höhepunkt jedes Tages. Da üben wir dann Aufstoppen, Wenden auf engem Raum oder An- bzw. Ablegen. Jedes Manöver hat seinen ganz speziellen Reiz, besonders wenn es neu ist. Innerhalb der Woche bekommt jeder aus der Gruppe nach und nach ein Gefühl für das Boot. Dafür was bei den einzelnen Manövern zu tun ist, wie das Schiff sich verhält. Ein Highlight ist bei den Übungen immer das Manöver Mann über Bord, das wir direkt vor Schloss Rheinsberg lernen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, natürlich schmeißen wir keinen ins Wasser, nur um zu üben. Auch springt natürlich keiner freiwillig über Bord. Das wäre auch ziemlich kalt mitten im Herbst.
Als Mann dient zu Manöverzwecken ein Rettungsring. Wenn der über Bord gegangen ist, rufen wir uns Boje über Bord" zu und melden dem Steuermann die Richtung des Ringes. Das passiert, damit keine Hektik an Bord ausbricht und das Manöver trotz seiner eigentlichen Brisanz in Ruhe gefahren werden kann.
Wenn das Boot dann im großen Bogen gegen den Wind an den Ring manövriert ist, genau daneben stoppt und der Ring wieder an Bord genommen wurde, löst sich die Spannung. Steuermann und Mannschaft freuen sich und es geht zur nächsten Übung.
Vor und im Kurs bin ich gefragt worden, warum ich als Rollifahrer einen Motorbootschein erwerben will. Die Antwort finde ich auf den Ausbildungsfahrten auf dem Grinerick- oder dem Rheinsberger See.
Auf einem Katamaran langsam dahin zu gleiten, ist fast wie schweben. Auch oder gerade mit dem Rollstuhl komme ich auf gleicher Augenhöhe und ganz dicht an mein Ziel. Egal ob es ein See, ein Kanal oder wie in unserem Fall ein Schloss ist, immer empfinde ich eine außergewöhnliche Perspektive und ein unwiederbringliches Erlebnis.
Dann ist der Prüfungstag plötzlich da und wird zu einer Nervenprobe für alle Beteiligten. Die Prüfungskommission gerät in die Vorbereitungen zum Nationalfeiertag, kommt stundenlang nicht weg, um uns die Prüfung abzunehmen.
Als sie dann doch noch im Hotel ankommt, geht alles ganz schnell. Die Gruppe wird aufgeteilt. Zwei gehen auf´s Boot, um die praktische Prüfung abzulegen. Ich bin der Erste. Alles geht gut, auch das gefürchtete Anlegemanöver. Das macht mir Mut und den gebe ich gerne weiter.
Oben im Hotel wartet schon das Knotenbrett. Alle Knoten sitzen auf Anhieb. Da bin ich selbst überrascht. Dann geht´s in die letzte Runde, die theoretische Prüfung. Plötzlich wird es um mich ruhiger und dann ist es auch schon vorbei. Der Prüfer schaut meine Prüfungsbögen durch, zeichnet ab, schmunzelt und gibt mir meinen Schein.
Nach und nach kommen alle aus der Prüfung. Alle bestehen, erhalten ihren Schein. Die Spannung des Tages der Woche löst sich und glücklich fallen wir uns sowie dem Lehrer Christoph und Bootseigner Bernd in die Arme. Es ist geschafft.
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