Ein Motorbootschein im Rollstuhl

Text von Udo Zeller, Behindertenbeauftragter des Landkreises Potsdam-Mittelmark



Als ich vor einigen Monaten Freunden von meinem Ziel „Motorbootführerschein“ erzählte, war, wie schon des öfteren, ungläubiges Kopfschütteln die erste Reaktion. „Wo gibt’s denn im Fläming Wasser?“, „haste´ denn `n Boot?“ oder auch die lapidare Feststellung „Motorboot fahren ist doch langweilig“ folgten meist, bevor das Thema beendet wurde.

Den „Sportbootführerschein Binnen-Motor“, wie er amtlich heißt, zu erwerben, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Spannend wird die Sache erst, wenn man, wie ich, in einem Rollstuhl sitzt.

Möglich macht den Sportbootführerschein für Menschen mit Behinderungen die Firma Rolly Tours aus Himmelpfort. Sie vermietet seit zwei Jahren barrierefreie Hausboote auf der Basis von Katamaranen. Initiator und Motor des Unternehmens ist Bernd E. Heinze, der aus einer alten sächsischen Binnenschifferfamilie stammt und selbst seit acht Jahren Rollifahrer ist.

Darüber hinaus können sich Menschen mit und ohne Behinderungen in der zu Rolly Tours gehörenden Bootschule gemeinsam auf die Führerscheinprüfung vorbereiten. Als Leiter der Bootsschule gehört der Berliner Fahrlehrer Christoph Ellerich seit einiger Zeit zum Team. Er ist für den gesamten Bereich Schulung, Ausbildung und Prüfungsvorbereitung verantwortlich. Das Ausbildungsprogramm der Bootsschule, für Menschen mit Behinderungen, wurde durch das Bundesverkehrsministerium schnell und unbürokratisch anerkannt. Der Deutsche Motoryachtverband nimmt die Prüfungen ab, sodass auch hier alles mit rechten Dingen und ganz offiziell zugeht.

Bernd E. Heinze und sein Projekt lernte ich auf einer Tagung zum Thema „barrierefreier Tourismus“ kennen. Dort kamen wir ins Gespräch und so stehe ich nun an einem herrlich, sonnigen Sonntagmorgen im September ziemlich früh auf dem Steg des Hotels „Haus Rheinsberg Hotel am See".

Die Stille, die mich umgibt, ist fast fühlbar. Die stärker werdende Sonne vertreibt die letzten Nebelschwaden des Sees. Auf den Booten von Rolly Tours, die gleich neben mir vertäut liegen, sind die ersten Regungen zu merken. Ich schaue auf den See, genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Tages und bin gespannt darauf, was mich in der nächsten Woche erwartet.

Inzwischen sind die anderen Teilnehmer im Hotel angekommen. Nach einer kurzen Begrüßung führt unser erster Weg zum Arzt. Ein erfahrener Sportmediziner stellt mit einer gründlichen Untersuchung und durch ein längeres Gespräch die körperliche Eignung jedes Teilnehmers fest. Das ist wichtig, stellt doch eine ausreichende Beweglichkeit des Oberkörpers für Rollifahrer ein wesentliches Kriterium zum Führerscheinerwerb dar.

Anfangs ist uns das nicht so deutlich, später merken wir, wie oft wir uns beim Manövrieren nach hinten umschauen müssen, damit alles klappt. Die Untersuchung bestehen alle erfolgreich. Die erste Hürde ist genommen, nun kann es losgehen.

Nach dem Einchecken im Hotel, nach Mittagessen und einer kleinen Pause treffen wir uns zu unserer ersten Ausfahrt am Hotelsteg. Alle sind „heiß“ aufs Boot fahren und unser „schwimmendes Klassenzimmer“ wartet schon auf uns. Ruck zuck sind wir an Bord – die Rollis über eine kleine Rampe. Der Höhenunterschied zwischen Boot und Steg ist nicht groß, der Bootsboden völlig eben. Eine seitliche Bootsneigung gibt es fast nicht. All dies sind Vorteile, die gewollt sind. Die Katamaranbauweise des Bootes macht es möglich. So wird ausreichend Platz gewonnen, um in der Kajüte auch als Rollstuhlfahrer das Boot zu führen, zu wohnen, zu schlafen zu kochen und ein kleines Bad zu nutzen.

Bis alle ihren Platz gefunden haben, haben wir abgelegt. Der Motor hat uns kurz angeschoben – und wir sind mitten auf dem Grinericksee. Alles ging so flüssig und selbstverständlich, dass wir fast nichts davon gemerkt haben. Wir laufen auf die Seeseite von Schloss Rheinsberg zu - was für ein Erlebnis. Schon dafür hat es sich gelohnt hier zu sein. Nun sollen wir also auch noch lernen das Boot selbst zu bewegen.

Christoph, unser Lehrer und derzeitiger Bootsführer, erklärt uns auf dieser ersten Tour unser Übungsrevier und die wichtigsten Bootsmanöver, die wir am Ende der Woche der Prüfungskommission zeigen müssen. Kursgerechtes aufstoppen, also bremsen für Boote, anlegen an einer Boje, wenden auf engem Raum und das Rettungsmanöver „Mann über Bord“ gehören genau so dazu, wie An- und Ablegen vom Steg.

Erklärt und vorgemacht, gestaunt, geredet, gelacht und schon sind wir wieder zurück von unserer ersten Tour. Die Stimmung ist toll, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Man ahnt es, aber das ganze Ausmaß des Abenteuers „Sportbootführerschein“ wird uns erst in den nächsten Tagen deutlich.



Die Theorie – büffeln mit „himmlischer Unterstützung“

Die theoretische Ausbildung beginnen wir am nächsten Tag in einem der Seminarräume des Hotels. Im Laufe der Woche wird unsere „Studierstube“ in den Andachtsraum des Hauses verlegt. Später werden wir zu diesem Umzug scherzhaft sagen, wir hätten Theorie mit „himmlischer Unterstützung“ gebüffelt.

Täglich wird es nun aber doch ernster. Fragen der Binnenschifffahrtsordnung, Ausweichregeln, Regeln der Lichterführung unterschiedlichster Schiffstypen, oder auch das Erkennen verschiedener Schiffssignale gehören u.a. zum theoretischen Programm. Das Verhalten zur Unfallverhütung und die „kleine Motorenkunde“ stehen ebenso auf dem Lehrplan, wollen erlernt, verstanden und eingeprägt werden.

Als wir Mitte der Woche beim Komplex „Betonnung und Befeuerung von Binnengewässern“ ankommen, verlässt mich kurzzeitig der Mut. Farben, Fahrwasserseiten und Fließrichtungen, das ist alles ziemlich viel und anders als auf dem Boot.

Vorteile hat hier, wer schon mal auf einem Boot war und sich dort für Tonnen, Schilder oder andere Zeichen interessiert hat. Ich bin da absoluter Laie und muss ich mich Stück für Stück durchbeißen.

Irgendwann, kurz vor Abschluss der Ausbildung, platzt sprichwörtlich der Knoten. Ich fasse wieder Hoffnung, die Prüfung doch zu bestehen. „Knoten“ ist das Stichwort. Auch Knoten müssen wir können. Genau fünf Stück: zeigen, benennen und erklären, wozu sie verwendet werden. Im Hinterkopf hatte ich das immer. Bis Mitte der Woche habe ich es aber eben verdrängt. Die Zeit wird nun auch hier knapp. Fortan habe ich ein Stück Seil (Tampen) in der Tasche und übe Knoten, wo immer es geht.

„Mann über Bord“– direkt vor´m Schloss

Nach den täglichen Theoriestunden geht es raus auf´s Wasser. Das ist unbestritten der Höhepunkt jedes Tages. Da üben wir dann Aufstoppen, Wenden auf engem Raum oder An- bzw. Ablegen. Jedes Manöver hat seinen ganz speziellen Reiz, besonders wenn es neu ist. Innerhalb der Woche bekommt jeder aus der Gruppe nach und nach ein Gefühl für das Boot. Dafür was bei den einzelnen Manövern zu tun ist, wie das Schiff sich verhält. Ein Highlight ist bei den Übungen immer das Manöver „Mann über Bord“, das wir direkt vor Schloss Rheinsberg lernen.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, natürlich schmeißen wir keinen ins Wasser, nur um zu üben. Auch springt natürlich keiner freiwillig über Bord. Das wäre auch ziemlich kalt mitten im Herbst.

Als „Mann“ dient zu Manöverzwecken ein Rettungsring. Wenn der „über Bord gegangen ist,“ rufen wir uns „ Boje über Bord" zu und melden dem Steuermann die Richtung des Ringes. Das passiert, damit keine Hektik an Bord ausbricht und das Manöver trotz seiner eigentlichen Brisanz in Ruhe gefahren werden kann.

Wenn das Boot dann im großen Bogen gegen den Wind an den Ring manövriert ist, genau daneben stoppt und der Ring wieder an Bord genommen wurde, löst sich die Spannung. Steuermann und Mannschaft freuen sich und es geht zur nächsten Übung.

Vor und im Kurs bin ich gefragt worden, warum ich als Rollifahrer einen Motorbootschein erwerben will. Die Antwort finde ich auf den Ausbildungsfahrten auf dem Grinerick- oder dem Rheinsberger See.

Auf einem Katamaran langsam dahin zu gleiten, ist fast wie schweben. Auch oder gerade mit dem Rollstuhl komme ich auf gleicher Augenhöhe und ganz dicht an mein Ziel. Egal ob es ein See, ein Kanal oder wie in unserem Fall ein Schloss ist, immer empfinde ich eine außergewöhnliche Perspektive und ein unwiederbringliches Erlebnis.

Dann ist der Prüfungstag plötzlich da und wird zu einer Nervenprobe für alle Beteiligten. Die Prüfungskommission gerät in die Vorbereitungen zum Nationalfeiertag, kommt stundenlang nicht weg, um uns die Prüfung abzunehmen.

Als sie dann doch noch im Hotel ankommt, geht alles ganz schnell. Die Gruppe wird aufgeteilt. Zwei gehen auf´s Boot, um die praktische Prüfung abzulegen. Ich bin der Erste. Alles geht gut, auch das gefürchtete Anlegemanöver. Das macht mir Mut – und den gebe ich gerne weiter.

Oben im Hotel wartet schon das Knotenbrett. Alle Knoten sitzen auf Anhieb. Da bin ich selbst überrascht. Dann geht´s in die letzte Runde, die theoretische Prüfung. Plötzlich wird es um mich ruhiger und dann ist es auch schon vorbei. Der Prüfer schaut meine Prüfungsbögen durch, zeichnet ab, schmunzelt und gibt mir meinen Schein.

Nach und nach kommen alle aus der Prüfung. Alle bestehen, erhalten ihren Schein. Die Spannung des Tages – der Woche löst sich und glücklich fallen wir uns sowie dem Lehrer Christoph und Bootseigner Bernd in die Arme. Es ist geschafft.