Gedanken zur Förderung der Verkehrssicherheit

Schiller – 200 Jahre Vermächtnis

von „mobil und sicher"-Leser Hans-Joachim Fischer aus Trossingen



Wie hat sich die Welt verändert – und die Menschen? Haben sie sich positiv oder negativ verändert, oder sind sie noch die gleichen? Wie ist z.B. die Achtung vor dem Individuum heute? Wir haben „Schillers Tell” kennen gelernt, und welche Lehre und welches Vorbild daraus gezogen?

Wenn man die Mobilität ansieht, als einen Teilaspekt unseres Daseins, dann scheint sich nicht viel geändert zu haben. Das Gesetz des Stärkeren oder Bestimmenden gilt immer noch gleich. Das ausgeprägte „Gesslersche Denken” gegen den freien Bürger oder Mitmenschen, die mangelnde Achtung vor dem anderen, sind sehr verbreitet.

Wo liegt denn der Unterschied zwischen: „Ei, Vater sieh den Hut dort auf der Stange," – „Was kümmert uns der Hut? Komm lass uns gehen” (Schiller, Willhelm Tell, 3. Aufzug, 3. Szene) und den vielen verkehrstechnischen Anordnungen der Behörden?

Ein einzelnes Schild, 30km/h Zone, und der Bürger hat zu gehorchen. Sicher geht es nicht ohne Ordnungsfaktor, aber er muss überzeugend und einsichtig sein. Dazu gehört die Vorbereitung und die Anleitung, vielleicht auch die Lehre, mit den Errungenschaften der heutigen Zivilisation umzugehen. In jedem Menschen steckt das Recht des Stärkeren. Aber es ist einfach nicht menschenwürdig, von oben zu bestimmen, was richtig zu sein hat, aber gleichzeitig die Voraussetzung nicht zu schaffen, nämlich Einsicht und Nachvollziehbarkeit.

Wenn auch die vielen, meist ehrenamtlichen Mühen und Engagements, in Verbindung mit dem technischen Fortschritt beim Kfz die sehr erfreuliche Entwicklung bei den Unfallzahlen positiv beeinflusst, so ist doch die Schaffung von Grundlagen zum Straßenverkehr bei jedem einzelnen zumindest mangelhaft. Wenn davon auszugehen ist, dass etwas so Dynamisches wie der sich bewegende Verkehr nicht durch etwas Statisches, wie Gesetze o.ä. in den Griff zu bekommen ist, dann müssen die das Verkehrsgeschehen beeinflussenden Faktoren einzeln übermittelt werden. Dies wiederum ist eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe, trotzdem lässt sich nur so positiv auf die Menschen einwirken.

Kein Gesetz ist in jeder Lebenslage außerhalb des privaten Hauses so präsent wie das, welches den Verkehr betrifft. Zuzüglich jener physikalischen Gesetze, welche bei jeder Bewegung – zu Fuß bis zum Rennfahren – gelten. Es kann also nur das Bestreben des Gesetzgebers und der ausführenden Organe sein, den Menschen den Umgang mit diesen Fakten detailliert nahe zu bringen.

Da das Führen eines Kraftfahrzeugs heute praktisch jeden Bürger betrifft und zur Allgemeinbildung gehört, ist es eigentlich logisch, die Ausbildung dazu in den Schulen zu integrieren. Das ist kein Todesstoß gegen die Fahrschulen, sondern die Möglichkeit, sich positiv in die Fortentwicklung unserer Gesellschaft zu integrieren. Wie dies administrativ zu organisieren wäre, kann nicht Thema dieses Aufsatzes sein.



Auch das Thema Öffentlichkeitsarbeit und Presse muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Auch hier sollte genauer und hintergründiger gearbeitet werden. Die Berichterstattung vom Verkehrsgeschehen sollte sich nicht auf Schlagzeilen liefernde Unfallmeldungen und Statistiken beschränken. Die Auswirkungen auf das Verkehrssicherheitsbewusstsein der Bürger sind dabei kontraproduktiv. Sicher kann das Thema Verkehrssicherheit nicht immer in der gebotenen Tiefe behandelt werden, aber weniger und genauer wäre oft mehr und besser. Zur Verdeutlichung sei angeführt, dass „nicht angepasste Geschwindigkeit” mit „Raserei” einfach zu primitiv übersetzt ist. Zum einen ist Bewegung die Voraussetzung von Verkehr, zum anderen sind 5 km/h bei Blitzeis und 60 km/h an Kindergärten, Schulen o.ä. und 100 km/h bei 20 m Sicht einfach falsch. Es zählt aber alles zur Statistik Geschwindigkeit, ohne Unterschied: ob Vorfahrt oder Wenden, was, wann, wo, wie viele Vorfahrtsregeln und Situationen, alles eins.

Dass Alkohol und Drogen, aber auch Medikamente im Straßenverkehr tabu sind, muss nicht betont werden, aber die praktische Einsicht ist doch mangelhaft.

Es bleibt das Fazit: Das Verkehrsgeschehen ist in seiner enormen Vielfalt kaum zu übersehen, geschweige denn komplett zu beherrschen, aber mit Sanktionen allein ist keine Besserung zu erzielen. Unabdingbar sind die Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Einsehbarkeit der Anordnungen. Das „Gesslersche Denken” ist der schlimmste Feind der Verkehrssicherheit. Der Bürger hat zu gehorchen, und wenn nicht, dann kommt die Keule der Strafe.

Die älteste Bürgerinitiative Deutschlands, die Verkehrswacht, zählt seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit ihren ehrenamtlichen Mitgliedern zu den Förderern der Verkehrssicherheit. Die Kreisverkehrswacht Tuttlingen hat im Jahr 2005 ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Das sind 50 Jahre Einsatz für die Verbesserung der Sicherheit im Verkehr, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Als Beispiel seien hier nur angeführt: Schülerlotsen, Verkehrskasperl, Seniorenbetreuung, technische Ausrüstung des Radfahrunterrichts der Polizei an den Schulen, Gefahrenlehre für Fahranfänger und technische Einrichtungen an den Straßen. Die Verbesserung des Verhaltens eines Jeden im Straßenverkehr, mit Schwerpunkt auf der Achtung des Anderen und der allgemeinen Rücksichtnahme wird weiterhin die Leitlinie der ehrenamtlichen Arbeit der Kreisverkehrswacht sein. Über allem steht die Würde und die Achtung, auch die Moral, der Bürger.