Das Hauptproblem bleibt der Mensch

Verkehrssicherheit – nicht nur eine Frage der Technik. 70 Prozent der erfassten Straßenverkehrsunfälle sind auf Fehlverhalten des Fahrzeugführers zurückzuführen.

1971 kam es in der Bundesrepublik Deutschland zu ca. 1,34 Millionen Straßenverkehrsunfällen, bei denen 18.753 Tote zu beklagen waren. Trotz der seitdem enormen Zunahme zugelassener Pkw – beinahe eine Verdreifachung bis zum Jahr 2001, nämlich von ca. 15 Millionen auf rund 44 Millionen – stieg die Zahl der Straßenverkehrsunfälle lediglich um ca. 76 Prozent auf 2,36 Millionen. Dabei fanden 6.962 Verkehrsteilnehmer den Tod, also ca. 63 Prozent weniger als 30 Jahre zuvor. Die Zahl der bei Verkehrsunfällen Verletzten lag 2001 mit 494.481 um rund 4,5 Prozent ebenfalls unter dem Vergleichswert von vor 30 Jahren. Die Verkehrssicherheit auf Deutschlands Straßen hat sich seit 1971 also gravierend erhöht.
Dass es dazu kommen konnte, ist ganz wesentlich ein Verdienst der Automobilindustrie. Sie hat auf dem Gebiet der Fahrzeug- und Verkehrssicherheit viel und mit großem Aufwand geforscht und die gewonnenen Erkenntnisse sehr erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Zu nennen sind z.B.:
  • Knautschzonen zum Energieabbau bei Unfällen
  • Fahrgastzelle als Überlebensraum
  • Verbundsicherheitsglas
  • Sicherheitsgurt
  • Airbag
  • Seitenaufprallschutz
  • Bessere Reifen
  • Wirkungsvollere Bremssysteme
  • Ergonomische Sitze
  • Antiblockiersystem (ABS)
  • Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP)
  • Kinderrückhaltesysteme usw. usf.

Aber auch von anderer Seite wurde viel für ein Mehr an Sicherheit im Straßenverkehr getan, z.B. von Seiten des Allianz Zentrums für Technik (AZT) in Ismaning, das von Prof. Dr.-Ing. Dieter Anselm geleitet wird, sowie des Staates, der Verbände und Vereine, wie z.B. der Deutschen Verkehrswacht und der Verkehrswachten vor Ort. Z.B.:

  • Bessere Fahrausbildung
  • Verkehrsleitsysteme
  • Verkehrserziehung/-aufklärung Aufklärungskampagnen
  • Ausbau des Straßennetzes.

Und die Verbesserungen des Rettungswesens und der Notfallmedizin haben dazu beigetragen, dass die Folgen von Verkehrsunfällen gemildert und viele Menschenleben gerettet wurden. In den letzten drei Jahrzehnten ist von unterschiedlichsten Stellen enorm viel für die Verbesserung der Fahrzeug- und Verkehrssicherheit getan worden.
Das Hauptproblem aber bleibt der Mensch. Er ist nach wie vor das schwächste Glied im Regelkreis Fahrer, Straße, Fahrzeug: Nach den Ermittlungen der Polizei sind etwa 70 Prozent der erfassten Straßenverkehrsunfälle auf ein Fehlverhalten des Fahrzeugführers zurückzuführen. Dieses kann ganz unterschiedlicher Art sein. Drei Beispiele: Viele Autofahrer verlassen sich mehr auf die Verkehrsschilder als auf ihren gesunden Menschenverstand. Z.B., wenn sie mit 80 km/h Geschwindigkeit fahren, weil dies die Geschwindigkeitsbeschränkung noch erlaubt, obwohl die aktuelle Straßen- und Verkehrssituation sowie die Witterungsbedingungen ein langsameres Tempo erfordern würden. Derartiges unvernünftiges Verhalten kann man täglich beobachten.
Ein zweites Beispiel: Obwohl bekannt ist, dass der Sicherheitsgurt der Lebensretter Nr. 1 ist, schnallen sich noch immer viel zu wenige Fahrer bzw. Beifahrer an. Auf der Auto-Rücksitzbank ist gar nur jeder zweite Mitfahrer angegurtet. Bei Kindern ist der Anteil der nicht bzw. nicht richtig gesicherten Fondspassagiere noch höher. Dieser Leichtsinn ist einfach unverständlich; er kann ganz brutale Folgen haben. Denn bei einem Unfall schießen die nicht gesicherten Personen mit einer Wucht nach vorne, die dem 20- bis 50-Fachen ihres Körpergewichts entsprechen kann. Sitz und Kopfstützen von Fahrer und Beifahrer können diesen Belastungen nicht standhalten. Beifahrer und Fahrer sowie Fondspassagier können tödliche Verletzungen erleiden.



Drittes Phänomen: Das Thema „Telefonieren am Steuer”. Eigentlich gibt es keine einzige Situation, in der ein Telefonat während der Autofahrt wirklich zwingend erforderlich wäre. Wer ein wichtiges Gespräch führen muss, kann rechts ran fahren, anhalten und in Ruhe telefonieren. Wird der Fahrer angerufen, kann die Mailbox den Anruf aufnehmen und dies signalisieren. Dann mit dem Auto rechts ranfahren, anhalten und zurückrufen. Nur: wer tut das? Im Gegenteil: Immer häufiger wird im Straßenverkehr telefoniert. Obwohl doch jeder weiß – oder wissen sollte – , wie groß die Ablenkung ist und wie sehr die für ein sicheres Fahren notwendige Konzentration leidet, wenn man während der Fahrt telefoniert – auch mit bzw. trotz Freisprecheinrichtung. Denn wer mit 100 km/h fährt und auch nur eine einzige Sekunde abgelenkt ist, fährt 28 Meter sozusagen „blind”. Beim Telefonieren am Steuer werden also völlig unnötigerweise Risiken in Kauf genommen.
Die technischen Möglichkeiten zur Verbesserung der Verkehrssicherheit sind zwar noch nicht ausgereizt, doch der entscheidende Faktor, um künftig Unfälle und damit menschliches Leid und materiellen Schaden zu vermeiden, bleibt der Mensch. Von seinem vernünftigen Verhalten wird es ganz wesentlich abhängen, ob und in welchem Ausmaß hier weitere Fortschritte erzielt werden können.
Bleibt zu hoffen, dass sich die Verkehrsteilnehmer in ihrem eigenen Interesse künftig insgesamt vernünftiger verhalten. Es wäre doch schade, wenn es in Deutschland erst drakonischer Strafen bedürfte, wie sie jetzt z.B. in Spanien eingeführt werden: Bis zu 300 Euro Bußgeld für Telefonieren am Steuer – ohne Freisprecheinrichtung, sofortige Stillegung von Fahrzeugen. Ist die TÜV-Untersuchung überfällig: bis zu 1500 Euro Strafe. Ein- bis dreimonatiges Fahrverbot für den, der eine Einbahnstraße in verbotener Richtung durchfährt usw. usf. Und besonders drakonisch: Wer innerhalb von zwei Jahren drei schwere Verkehrsverstöße begeht (dazu zählt z. B. das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um mehr als 50 Prozent und mehr als 30 km/h) soll in Spanien künftig mit endgültigem Entzug des Führerscheins bestraft werden.
Es sollte in Deutschland doch auch anders möglich sein, im Straßenverkehr die Zahl der Unfälle, der Toten und Schwerverletzten weiter zu reduzieren, z. B. durch vernünftiges, der Verkehrssituation angepasstes Verhalten aller Verkehrsteilnehmer. In deren eigenem und unser aller Interesse.
aus der Rede von Dr. Karl-Walter Gutberlet, Vorstandsmitglied der Allianz Versicherungs-AG, die im Rahmen der Pressekonferenz am 21. März 2002 in München gehalten wurde.

Kraftfahrzeugbestand in Deutschland

Krafträder 3.557.360 (+4,3%)
Pkw/ Pkw-Kombi 44.383.323 (+1,4%)
Kraftomnibusse 86.461 (- 0,2%)
Lkw 2.649.097 (+ 1,5%)
Zugmaschinen* 1.951.077 (+ 0,5%)
übrige Kfz 678.612 (+ 2,0%)
Gesamt 53.305.930 (+ 1,6%)

* Sattelzugmaschinen, Geräteträger, Ackerschlepper und gewöhnliche Straßenzugmaschinen
Bestand am 1. Januar 2002, einschl. der vorübergehend stillgelegten Fahrzeuge
Quelle: KBA