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Text von Prof. Dr. Heinz Jürgen Kaiser, Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg |
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Die Älteren sind in Wirklichkeit eine bunte Gruppe mit Jungen Alten, die manch Jüngeren in ihrer Leistungsfähigkeit übertreffen, aber auch mit sehr alten Menschen, die unter körperlichen Gebrechen und Demenzerkrankungen leiden. Es ist aus der Sicht der Verkehrspsychologie am ehesten gerechtfertigt, unter den Älteren die Menschen ab etwa einem Alter von 70 Jahren zu verstehen. Verallgemeinerungen sind also gar nicht möglich, aber sie sind bequem und befrieden das Bedürfnis nach einer übersichtlichen Welt.
Es gibt wenig Grund, die sich mehrenden Grauhaarigen unter den Autofahrern für eine nationale Katastrophe zu halten. Das gilt unabhängig davon, ob man sich auf Vorruheständler, 65-Jährige oder 80-Jährige bezieht. Als Autofahrer tragen alle diese Altersgruppen insgesamt ein erwartungswidriges, bemerkenswert niedriges Unfallrisiko, selbst unter Berücksichtigung ihrer gegenüber jüngeren und mittleren Jahrgängen geringeren Jahres-Fahrleistung. Auch das Ansteigen des Unfallrisikos der 75-Jährigen und älteren erscheint wenig dramatisch, wenn man das Risiko dagegen hält, das die jugendlichen Fahranfänger repräsentieren. Der Schluss ist gerechtfertigt, dass die besagten Älteren wohl noch ganz gut zurechtkommen mit den Aufgaben, die ihnen als Autofahrer gestellt werden.
Aber Differenzierung tut not. Es sind erstens nicht alle Älteren, die noch gut zurechtkommen. Einige haben tatsächlich erhebliche Schwierigkeiten, elegant und unauffällig im Verkehrsstrom mitzuschwimmen. Das gilt übrigens auch für einige Jüngere. Außerdem und zweitens sind nicht alle Älteren als Autofahrer unterwegs. Menschen ab 60 oder 65 Jahren stellen eine besonders große Gruppe der Fußgänger. Als Fußgänger sind sie bedroht durch die Stärkeren unter den Verkehrtsteilnehmern, die Motorisierten. Der Fußgängerverkehr ist weniger stark reglementiert als der motorisierte Verkehr, das fördert Verhaltensweisen, die nachträglich als Fehler zu den Unfallursachen gerechnet werden. Machen ältere Fußgänger solche Fehler sind sie zwar nicht häufiger, doch in viel gravierender Weise Opfer als jüngere Menschen. Die erhöhte Verletzlichkeit ihres Körpers sorgt dafür, dass Unfallfolgen erheblich dramatischer ausfallen. Deshalb sind unter den älteren Fußgängern überproportional viele Todesopfer zu beklagen. So gesehen gibt es also durchaus auch Sorgenkinder unter den älteren Verkehrsteilnehmern. Aber dieses Problem wird weit weniger wahrgenommen als das angebliche Problem der älteren Autofahrer.
Der hektische, geschwindigkeitsorientierte Straßenverkehr unserer Tage ist ein Ort, an dem ältere Menschen besonders leicht als Hindernisse eingeordnet wahrgenommen und deshalb in die Kategorie defizitärer Lebewesen eingeordnet werden. Selten wird bewusst, dass eine Umkehrung der Sichtweise angebracht ist: Nicht die tatsächlichen oder vermeintlichen Leistungsdefizite der Älteren untergraben die Verkehrssicherheit, sondern eher der selbstbewusstleistungsorientierte Geschwindigkeitswahn der anderen.
Außerdem ist nicht unbedingt das Alter allein die Kategorie, die sicheres oder unsicheres Verkehrsverhalten beeinflusst. Vielleicht würde uns eine Analyse der Unfallstatistik nach Berufsgruppen überraschende Erkenntnisse liefern. Aber wer erkennt schon Journalisten, Kneipenwirte, Lehrer oder Ärzte am Steuer ihrer Fahrzeuge als solche? So bleibt denn eine berufsbezogene Stereotypisierung aus, und Berufsgruppen im Straßenverkehr sind kein Reizthema.
Ungünstige Altersbilder können im übrigen vieles bewirken, was das Zusammenleben der Generationen im Straßenverkehr erschwert: Die ungeduldige Reaktion der jüngeren Verkehrsteilnehmer, die übereilte Zuschreibung von schuldhaftem Verhalten seitens eines unfallaufnehmenden Polizisten, aber auch die trotzige Haltung des älteren Autofahrers mit eklatanten Leistungsschwächen, der auf seine Fahrerlaubnis nicht verzichten will.
Dass wir auf der Grundlage heute verfügbarer Daten ältere Autofahrer nicht als Problemgruppe im Straßenverkehr ansprechen müssen, liegt nicht nur an ihrem in der Regel vernünftigen Fahrtenmanagement. Es ist auch eher selten und eher bei hochaltrigen (über 75 Jahre alten) Menschen der Fall, dass der Alternsprozess die Leistungsfähigkeit so sehr beeinträchtigt, dass eine Nutzung des eigenen Autos nicht mehr möglich ist, ohne sich und andere (über ein allgemein akzeptiertes Maß hinaus!) zu gefährden. Weil ältere Autofahrer im Straßenverkehr eher Opfer mobilitätserschwerdender Verkehrsverhältnisse sind, als dass sie als Täter auffielen, ist es bisher in Deutschland abgelehnt worden, Sonderprüfungen für ältere Autofahrer einzuführen. Nicht nur, dass die Sonderbehandlung sich schwer begründen ließe, der Aufwand stünde auch in keinem angemessenen Verhältnis zum Ertrag für die allgemeine Verkehrssicherheit.
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| Jung gegen Alt: 97% der jungen Fahrer finden, dass die Fahrtauglichkeit älterer Fahrer regelmäßig überprüft werden sollte, so die Sicher Direct Studie. Tatsache ist: Ältere Autofahrer haben ein bemerkenswert niedriges Unfallrisiko. Sie vermeiden Risiken und verhalten sich meist gelassener als Jüngere. |
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Wir sind in Deutschland in der glücklichen Lage, dass die Integration auch des älteren Menschen in den modernen Straßenverkehr ein politisch gewolltes Ziel darstellt. Wer Ziele anstrebt, muss allerdings auch die Mittel dazu bereitstellen. Es gibt viele Ursachen und Gründe, die den alten Menschen die Verkehrsteilnahme erschweren: eine unübersichtliche, wahrnehmungspsychologisch schlecht gestaltete Verkehrsumwelt, den Verhältnissen des menschlichen Organismus unvollkommen angepasste Verkehrsmittel, ein undurchsichtiges Regelsystem, ein katastrophales Sozialverhalten der Verkehrsteilnehmer, unduldsame bis feindliche Einstellungen gegenüber den langsamen alten Menschen und etliches mehr. Es gibt also viele Punkte, an denen der Wille zur Veränderung im Interesse alter Menschen ansetzen müsste. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man. Das lässt hoffen, wenn man den Willen zur Integration Älterer als ernsthaft unterstellt.
Insofern der Wille zur Verbesserung der Situation nur ein politisch bekundeter Wille ist, gilt es zunächst, gesamtgesellschaftlichen Konsens herbeizuführen. Die Medien stehen hier in einer herausragenden Verantwortung. Die verstärkte Beschäftigung mit dem Thema Mobilität im Alter kann produktiv genutzt werden, kann Gedanken über eine zukünftig menschengerechtere Verkehrswelt anregen.
Ältere vermeiden eher Risiken und unnötige Fahrten und verhalten sich meist gelassener als ihre jüngeren Partner im Verkehr. Wenn nur diese drei Merkmale auch von anderen stärker beachtet würden, ginge es unserem Straßenverkehr erheblich besser.
Der ältere Mensch als Vorbild für mehr Sicherheit im Straßenverkehr? Warum eigentlich nicht? Man sollte sich allerdings bewusst machen, dass es nicht ausreicht, Vorbilder lediglich als individuelle Leitbilder zu präsentieren. Die Verkehrsteilnehmer sind Teil eines Systems, in dem bestimmte Produktionsformen, Lebensstile und Werthaltungen als gesellschaftliche Verhaltensbedingungen wirken. Insofern weisen die Verhältnisse auf unseren Straßen im allgemeinen und die Unduldsamkeit gegenüber älteren Verkehrsteilnehmern im besonderen auf dieses von uns akzeptierte System zurück.
Literaturtipp
H.J. Kaiser & W.D. Oswald (Hrsg.): Altern und Autofahren, Verlag Huber,
Bern 1999 |
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Statements zur Frage:
Der Ältere Mensch als Vorbild für mehr Sicherheit im Straßenverkehr?
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Ernst Bauer, Chefredakteur ACE LENKRAD, Clubmagazin des ACE Auto Club Europa e.V.: |
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Erfahrung hat sie geprägt, aus ihren Fehlern haben die meisten gelernt: Ältere Menschen können Vorbild sein, in der Wirtschaft, in der Familie, auch für andere in ihrem Alter warum nicht auch im Straßenverkehr. Skeptiker verbreiten gerne die Mär, Zucker, Kreislaufprobleme, Nachtblindheit und ein müdes Kreuz plagte quer durchs Land alle, die älter als 60 sind, Senioren taugten deshalb nicht als Vorbild am Steuer.
Mir ist ein rüstiger Rentner als Begleiter eines Fahranfängers in den ersten zwei, drei Jahren lieber als ein fingerdeutender Politiker, der noch engere Regeln propagiert.
Vorbild sein bedeutet nicht den Vormund spielen, sondern mit eigenem Beispiel voranzugehen. In der Konsequenz kann dies, je älter und anfälliger man wird oder sich fühlt, auch bedeuten, dass man sich vom Steuer zurückziehen muss.
Pauschale Zweifel an der Kompetenz älterer Menschen scheinen mir unangebracht: In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden sie die meisten (privaten) Neuwagen kaufen, Autos, die auf sie zugeschnitten werden und alles an Sicherheit in Serie haben, was man braucht. Derart gut motorisiert, werden sie uns noch zeigen, was wirklich abgeht auf unseren Straßen.
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Michael Ramstetter, Chefredakteur ADAC-Motorwelt: |
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Ältere Menschen haben mehr Lebenserfahrung, was sich auch im Straßenverkehr positiv bemerkbar macht. Darüber hinaus sind sie vorsichtiger und seltener das zeigt die Statistik für Unfälle verantwortlich.
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Uwe Gabler, Chefredakteur MotorJournalist, Fachmagazin des VdM: |
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| Einerseits sind Führerscheinneulinge stärker gefährdet als routinierte Fahrerinnen und Fahrer. Andererseits können ältere Menschen trotz Routine zum Gefahrenherd werden, wenn sie ihre nachlassenden körperlichen Fähigkeiten nicht selbst erkennen und sich anpassen. Wichtig ist: ärztliche Kontrolle der Seh- und Hörfähigkeit und kritische Selbsteinschätzung der Fähigkeiten. Wenn dies beachtet wird, tragen ältere Verkehrsteilnehmer zum besseren Verkehrsklima bei. Ruhe und Gelassenheit sind beim Autofahren bessere Begleiter als ungestümes Temperament und jugendliches Draufgängertum. |
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