Vom Rausch der Geschwindigkeit

Warum schnelle Autos Männer in ihren Bann ziehen und die Faszination für PS zur Leidenschaft wird

Der Traum vieler Männer ist ein schnelles Luxusauto. Ein Auto mit hoher PS-Leistung, selbst wenn es alt ist, wird von jungen Männern bevorzugt. Ein nagelneues Auto mit wenig Motorkraft wird hingegen abgelehnt. Für die Mehrheit der Männer ist ein schneller Sportwagen sogar attraktiver als die Kurven einer prominenten Frau.

Männer brauchen Bewunderung: auf der Straße, im Job oder beim Sport. Er gibt dauernd an. Fährt am besten Auto. Trainiert am härtesten. Männer sind eitel und brauchen Applaus. Die Aufmerksamkeit eines Publikums ist seine schönste Bestätigung. Vier Fünftel der Bungee-Jumper,  Extremkletterer, Fallschirmspringer und Skateboard-Artisten sind Männer. Oft bezahlt das sogenannte „starke Geschlecht“ sein Risikoverhalten mit dem Leben. Jungen verunglücken viel häufiger im Straßenverkehr als Mädchen – mit dem Fahrrad, Mofa, Motorrad und Auto. Bei 93 Prozent der Discounfälle treten Männer auf das Gaspedal. Der Grund: Der Wunsch, andere durch riskantes Verhalten zu beeindrucken. Ein Blick auf rangelnde Hirsche oder geplusterte Pfauen zeigt, dass dieses männliche Verhalten anthropologisch bedingt ist. Heldentum ist männliche Eigenwerbung.

Der Mann liebt schnelle Autos, weil er Spaß und Freude daran hat. Er mag die Technik, das ästhetische Design und das glänzende Metall. Die uneingeschränkte perfekte Leistungsfähigkeit der Motorkraft und Technik bewundert er. Die hohen Pferdestärken (PS) sind für ihn eine Herausforderung. Deren Bewältigung bereitet ihm lustvolle Gefühle. Am Limit zu fahren, ist ein besonderer Kick. Hormone – Boten der Euphorie – werden dabei vom Körper produziert und üben eine berauschende Wirkung auf ihn aus. Der amerikanische Endokrinologe John Money macht dafür die Chemie im Körper verantwortlich. Riskantes Handeln mobilisiere beim Mann Endorphine, sozusagen körpereigenes Ecstasy. Den Sinn dafür sieht der Forscher in der Evolution. Der Mann musste „an die Front“ mit freundlicher Unterstützung der Hormone. Noch heute hat der Mutbeweis zwei Zwecke: Erstens den Rausch zu liefern, zweitens den anderen zu zeigen: Schaut alle her, wie leistungsfähig ich bin. Evolutionsforscher wie der Brite Ralph Drury glauben, die beschwerlichen vier Millionen Jahre als Jäger und Sammler hätten beim Mann ihre Spuren hinterlassen. Das Leistungsdenken ist dem Mann seit der Steinzeit eingeprägt. Er musste fette Beute heimschleppen und zeigen, genauso gut oder gar noch besser wie die anderen zu sein. Evolutionsbedingt ist der Mann hormonell mit dem Dominanz-Hormon Testosteron für den Verteidigungsfall gerüstet. Dieses Hormon, zuständig für den Antrieb (Aggression), die innere Kraft, die Libido (sexuelle Lust), ist beim Mann zwanzigmal höher dosiert als bei der Frau. Deshalb spielen Leistung, Macht, Aggression und Sexualität in seinem Denken sowie Verhalten eine größere Rolle.

Der Mann im PS-starken-Auto will anderen imponieren und bewundert werden. Aber auch die hohen „Pferdestärken“ zu bewältigen, ist ein unbewusstes Motiv seiner Vorliebe für schnelle Autos. Hinter der Sucht nach Bestätigung verbirgt sich nach Erkenntnis des Berliner Therapeuten Wilfried Wieck die pure Unsicherheit und ewige Angst, nicht potent genug zu sein. Diese will der Mann mit Symbolen und Beweisen beschwichtigen. Wenn er von seinen 300 PS schwärmt, steckt also sein Wunsch nach unbegrenzter Zeugungskraft dahinter. Doch weil schon kleine Jungen angeben, die von Potenzängsten nichts wissen, ist von einem angeborenen Urverhalten auszugehen. Männliche Affen trommeln schließlich ebenfalls auf die eigene Brust, und zwar möglichst laut. Für den Offenbacher Sexualwissenschaftler Jürgen Kosanke steckt noch mehr hinter dem männlichen Leistungsdenken. Der Wunsch jeden Mannes sei es, unbegrenzt leistungsfähig zu sein. Im Gegensatz zur Frau müsse er beim Sex eine erkennbare Leistung vorzeigen: die Erektion. Das sei der Urgrund dafür, dass er viel mehr als die Frau auf Leistung fixiert ist – in seinem ganzen Leben, in allen Bereichen. Die Erektion steht als Symbol für Männlichkeit, Fruchtbarkeit, Vitalität und Stärke. Sie ist eine Leistung, die der Mann unbegrenzt erhalten möchte. Unbewusst, manchmal auch bewusst, hat er große Angst vor Impotenz. Die größte Männerangst ist Versagen im Sex und im Job. Impotenz oder die Furcht davor ist eine der großen männlichen Hauptsorgen, wie die Wissenschaftler Bernard D. Starr und Marcella B. Weiner von der Universität New York in ihrer Untersuchung feststellen.

Männer müssen immer leistungsfähig sein. So sieht sich der Mann selbst und auch die Gesellschaft will ihn so. Und weil Leistung etwas ist, dass man beweisen muss, überfordert er sich so oft. Er will und muss gut sein, vergleicht sich und will besser sein, das gehört zu seinem Image. Seine Grenzen möchte er am liebsten leugnen. Männer verletzten sich häufiger als Frauen und verunglücken öfter tödlich im Straßenverkehr.

So ist er eben der Mann – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Die Frauen mögen und lieben ihn so wie er ist. Sind über seine Existenz überaus glücklich, sogar sehr dankbar und stolz auf ihn. Mit ihm können sie viel Spaß haben und sich reproduzieren. Durch sein Wirken und Schaffen wird ihr Leben verlängert, bereichert, angenehmer, zufriedener und lebenswerter. Zahlreiche hervorragende lebenswichtige, wertvolle Entdeckungen, innovative Erfindungen und wissenschaftliche Erforschungen in Medizin, Physik, Chemie, Technik usw., sind seiner Leistungsfähigkeit und seinem Machtstreben zu verdanken. Die vielen berühmten Entdecker, Forscher, Erfinder, Wissenschaftler, Denker, Nobel-Preisträger u. a. sprechen für sich.

Wer den Mann erreichen möchte, „muss ihn dort abholen, wo er steht“. Dieser Appell sei an diejenigen gerichtet, die ihn zu mehr Verkehrssicherheit bewegen möchten.

Und Frauen …, die begeistern sich doch auch für schnelle Autos, haben Ängste, werden durch Komplimente entwaffnet, sind macht- und leistungsorientiert. Ja, stimmt, aber das ist ein neues Kapitel.


von Dr. Rita Bourauel

0